Assassini Assassinati CDRepicco: Assassini Assassinati
Werke von Albertini, Pandolfi, Meali, Stradella, Albertini u.a.
Repicco: Kinga Ujzászi, Violine; Jadran Duncumb, Theorbe
Aufgenommen im März 2017, erschienen ℗ 2017
Ambronay Records AMY 308, im Vertrieb von Harmonia Mundi
… exzellent aufeinander eingespielt …

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Assasini sind Mörder – Assassinati Mordopfer. Gut, aber was haben die einen wie die anderen mit barocker Kammermusik zu tun? Sie kann so schlecht nicht gewesen sein, die Musik, dass man Komponisten oder Interpreten zur Strafe für sie umgebracht hätte.
Wer waren die Komponisten, die jetzt unter „Assassini Assassinati“ firmieren? Und was haben sie verbrochen?

Ignazio Albertini (1644–1685)
Biagio Marini (1594–1663)
Bellerofonte Castaldi (1581–1649)
Giovanni Antonio Pandolfi Mealli (1624–1669)
Alessandro Stradella (1639–1682)

Der Erste der Liste, Ignazio Albertini, wurde am 22. September 1685 in Wien erstochen. Dort war er zu der Zeit Kammermusiker der Kaiserinwitwe Eleonore (1630–1686). Geboren war Albertini in Mailand – das jedenfalls lässt François-Joseph Fétis‘ Eintrag in seiner „Biographie Universelle et Bibliographie générale de la Musique“ (deuxième Édition, Paris 1873, Bd. 1, S. 54) vermuten: „ALBERTINI (Ignace), Milanais, compositeur de musique instrumentale, vivait sous le règne de l’empereur Léopold 1er, a qui il dédia un œuvre de douze sonates pour violon . Cet ouvrage a été publié à Vienne, en 1690.
Alessandro Stradella wurde am 25. Februar 1682 von einem Unbekannten in Genua auf der Straße niedergeschlagen, wo er wenig später starb. Stradella hat ein so mit Abenteuern gespicktes Leben geführt, dass es immerhin drei Komponisten des 19. Jahrhunderts zu Opernstoffen inspiriert hat (Louis Niedermeyer, „Stradella“, UA 1837; César Franck, „Stradella“, UA 1841; Friedrich von Flotow, „Alessandro Stradella“, UA 1844). In finanzielle Skandale war er verwickelt, auch in erotische und das hat ihm nicht nur Freunde eingebracht. Wer weiß, vielleicht war einer seiner Nebenbuhler sein Mörder?

Giovanni Antonio Pandolfi Mealli (1624–1669) ist weder erschlagen noch erstochen worden, er ist vielmehr als Mörder des italienischen Sängers Giovannino Marquett in die Musikgeschichte eingegangen. Pandolfi Mealli kam aus Montepulciano und hat gegen 1660 in Diensten von Erzherzog Ferdinand Karl in Innsbruck gestanden. Später finden wir ihn in Messina und danach als „musico de violin“ in der „Capilla Real“ in Madrid. Wegen des Mordes hatte er aus Sizilien fliehen müssen.
Biagio Marini (1594–1663) war weder an einem Mord noch einem Totschlag beteiligt, außerdem ist er eines natürlichen Todes gestorben. Aber wie passt er in die Ehrenwerte Gesellschaft derer  von denen bisher die Rede war? Jean-François Lattarico, der Autor der sleeve notes der CD, meint dazu: „If Marini is the only composer on this programme who was not mixed up in bloody crimes, the extravagance of his music resounds like an allegory of these tumultuous lives that seem to be reduced to a mechanical alternation between moments of stasis and spasm, in which, alas, the sword finally triumphs over the pen“. Aber hat bei Biagio Marini nicht doch die Feder das Schwert besiegt?
Einer fehlt noch: Bellerofonte Castaldi (1581–1649). Er ist in der Nähe von Modena zur Welt gekommen und stammt aus einer wohlhabenden Familie. Er ist sein Leben lang gerne gereist, gleichzeitig ist er keinem Streit aus dem Weg gegangen. Als er den Tod eines seiner Brüder rächen wollte, hat er sich selbst in den Fuß geschossen und blieb den Rest seines Lebens behindert. Castaldi war Theorbenspieler, man schreibt ihm die Erfindung des Tiorbino zu, einer kleinen Form der Theorbe, die im 17. Jahrhundert in Italien sehr populär gewesen ist.
Das Ensemble Repicco hat eine CD mit einem überaus originellen Programm zusammengestellt … wobei die Werkzusammenstellung auch ohne den kriminalistischen Aspekt interessant genug gewesen wäre. Die Aufnahme ist entstanden in der Chapelle du Centre Culturel J. C. Bonnet in Jujurieux, einer Gemeinde im Département Ain zwischen Lyon und Genf. Dort findet ein internationales Festival für Barockmusik statt, das von wahrlich internationalem Format ist. Folgende Ensembles und Institute zeichnen dafür verantwortlich: Ghislieri Musica in Pavia; die Musikuniversität in Bukarest; das Göttinger Händel-Festival; Seviqc Brežie in Ljubljana; das National Centre for Early Music in York; das Riga Early Music Centre und schließlich Ozango Productions in Strasbourg. Das Projekt wird unter dem Titel „Emerging [eeemerging]“ von der Europäischen Union gefördert („eeemerging is supported by the Creative Europe Programme of the European Union“).
Die Geigerin Kinga Ujzászi und Jadran Duncumb, Theorbe, sind exzellent aufeinander eingespielt. Sie ergänzen sich insofern, als keiner den jeweils anderen begleitet und keiner „die erste Geige spielt“. Sie präsentieren uns energiegeladene italienische Barockmusik feinster Art … Sonaten, Sinfonien und Einzelsätze. Dabei war die Entstehungszeit der Musik, das Seicento, mehr als unruhig. Nicht nur der Dreißigjährige Krieg erschütterte Europa, auch andere, meist religiös motivierte Konflikte bestimmten das öffentliche Leben.
Im Rahmen der nach 1600 entstehenden eigenständigen Instrumentalmusik entwickelte sich in Italien die Generalbasspraxis, die für die nächsten über hundert Jahre bestimmend bleiben sollte.
Das Ensemble Repicco bilden zwei Musiker, die sich der Alten Musik verschrieben haben. Assassini–Assassinati ist ihre erste CD. Jadran hat englische und kroatische Vorfahren ist aber in der Nähe von Oslo aufgewachsen. Kinga Ujzászi hat in Budapest studiert und danach in London. Sie spielt solistisch und in verschiedenen Kammermusikbesetzungen.
Was wir zu hören bekommen, ist frische, jugendliche Barockmusik. Und es sind ausnahmslos Repertoire-Entdeckungen.
Diese CD wird hier (unter: https://www.PeterPaeffgen.com) besprochen und nicht bei https://www.gitarre-und-laute.de, obwohl die Theorbe eine durchaus dominante Rolle spielt. Sie ist obligat und nicht als basso continuo ausgeschrieben.