Carnevale 1729 CDCarnevale 1729
Werke von Giacomelli, Orlandini, Albinoni, Porpora, Leo, Vinci
Ann Hallenberg, Mezzosopran, Il pomo d’oro, Stefano Montanari
Aufgenommen im September 2016, ℗ 2017
2 SA-CD PENTATONE PTC 5186 678, im Vertrieb von NAXOS
… Sie zelebriert und feiert diese Musik …

♦|♦|♦|♦|♦

CD bei Amazon bestellen?

Wie vor knapp dreihundert Jahren! Damals waren es beispielsweise die gefeierte Sängerin Faustina Bordoni (1697–1781), die spätere Ehefrau des Komponisten Johann Adolph Hasse (1699–1783), und die Sopranistin Francesca Cuzzoni (1696–1778) — heute ist es die Mezzo-Sopranistin Ann Hallenberg, die das Publikum mit ihrem betörenden Gesang in ihren Bann schlägt.

Der Karneval wurde – beginnend im späten Mittelalter –  in Venedig ausgelassen gefeiert … aber die Session (oder sagt man Saison?) 1728/1729 war eine besondere. Georg Friedrich Händel hatte lange die internationalen Sänger-Stars in seinem Londoner Operntheater engagiert, der Umgang mit den kapriziösen Künstlerinnen und Künstlern hat aber nicht nur seine Nerven aufgerieben, ihre immer höheren Gagenforderungen haben ihn auch an den Rand der Insolvenz getrieben. Händel sah sich gezwungen, das Theater zunächst für ein Jahr zu schließen und die Engagements zu kündigen. Die Primadonnen verließen London und einige fanden neue Anstellungen an den verschiedenen venezianischen Operntheatern. Im Jahr 1700 gab es derer übrigens sieben. Gleichzeitig gelang es einem der Häuser, den berühmtesten aller Kastraten zu engagieren, den legendären Sänger Farinelli. Mit diesem Coup waren die gefragtesten Gesangsstars mindestens für eine Spielzeit zusammen – nicht an einem Theater, aber in einer Stadt, in Venedig!
Im Teatro San Grisostomo wurde die Karnevals-Opernsaison 1728/1729 mit der tragedia per musica „Catone in Utica“ von Leonardo Leo eröffnet. Uraufführungsdatum: 26. Dezember 1728. Das Libretto stammt von Pietro Metastasio (1698–1782, eigentlich: Pietro Antonio Domenico Bonaventura Trapassi), der, wie wir wissen, Hofpoet am Kaiserlichen Hof in Wien war und unter anderem die textliche Urversion zu Mozarts und zu Antonio Caldaras „La clemenza di Tito“ geschrieben hat.

 

Gleich ein Tag später eröffnete das Teatro San Cassiano den Karneval mit dem dramma per musica „Gianguiar“  von Geminiano Giacomelli und einem älteren  Libretto von Apostolo Zeno. Nicht nur wissen wir, welches der Venezianischen Operntheater welche Oper an welchem Tag der jeweiligen Karnevalssaison gespielt hat, wir kennen auch die Hauptdarsteller und wir wissen, wie die lokalen Zeitungen die Aufführungen besprochen haben. Das hervorragend recherchierte und ausgestattete Booklet der vorliegenden CD von Holger Schmitt-Hallenberg (Edition Gran Tonante HB) steht uns für weitere Informationen zur Verfügung, aber aber auch eine reichhaltige „klassische“ Literatur zum Thema, darunter das Buch „Venetian Opera in the Seventeenth Century“ von Simon Townley Worthstone (Oxford, Clarendon Press, 1954 und diverse Neuauflagen).

Und zusätzlich wissen wir viel über die Venezianische Oper des frühen 18. Jahrhunderts … weil wir sie hören, sehen und erleben können! Natürlich, die Bordoni können wir nicht mehr bemühen, Farinelli auch nicht, aber solange wir wunderbare und im wahrsten Sinne des Wortes faszinierende (weil entzückende, bezaubernde) Sängerinnen und Sänger wie Ann Hallenberg hören können, die nicht nur über eine ebenso tragfähige, wie geschulte Stimme verfügen, sondern auch noch den Mut und das Engagement aufbringen, so zu singen, wie es die Kollegen vor knapp dreihundert Jahren getan haben, werden wir auf das Vergnügen, eine Oper im Teatro San Grisostomo in Venedig zu erleben nicht verzichten müssen. Denn sie, Ann Hallenberg, singt nicht nur. Sie feiert diese Musik; sie tiriliert, fabuliert und zelebriert sie … und gleichzeitig belehrt sie – ohne es zu wollen! Denn sie ist keine vegane Kostverächterin, im Gegenteil! Ann Hallenberg singt nicht nur mit Leidenschaft, sie kostet jede Nuance in der Musik aus und: Sie genießt es ganz offenbar, bei ihren Zuhörern Ver- und Bewunderung auszulösen. Dies ist Oper, zu Musik gewordene Leidenschaft und außerdem ist es ist ein Stück Kulturgeschichtsschreibung, die uns lehrt, wie sich wohlhabende Venezianer zu Beginn des 18. Jahrhunderts amüsiert haben. So haben sie miteinander kommuniziert, so haben sie gefeiert, dass sie sich des Lebens noch freuen konnten – kurz vor Beginn der Fastenzeit, die das Ende der Völlerei und der Maßlosigkeit einläutete, wie sie es heute noch tut, obwohl sie für die wenigsten Menschen noch eine Rolle spelt.

Der wunderbaren Ann Hallenberg steht übrigens ein Kammerorchester zur Seite, dessen Spielen mich an den begeisternden Schwung und die hinreißende Energie von Concerto Köln erinnert. Il pomo d’oro gibt es seit 2012 und begeistert seitdem Zuhörer … und Kritiker. In der Arie „In braccio a mille furie“ aus der Oper „Semiramide riconosciuta“ von Nicola Porpora (1686–1768) offerieren Solistin und Orchester die brennende Leidenschaft, die diese Musik ausstrahlt:

Im Banne von tausend Furien
zittert und bebt mein Herz;
sie verbünden sich
mit der erlittenen Schmach,
um meine Seele zu quälen.

Meine verschmähte Liebe
rufen sie mir ins Gedächtnis zurück,
und sie erinnern mich daran,
dass meine Ehre noch nicht gerächt wurde.

Üppige Virtuosität mit Koloraturen und improvisierten Verzierungen, forsche Tempi und Leidenschaft pur – das liebte Zuschauer und Zuhörer zur Zeit von Bordoni und Farinelli – und sie bekamen es! Die beiden Sänger waren berühmt dafür … und Ann Hallenberg wird es, wenn sie es nicht schon ist, auch. Sicher!