Henryk Szeryng: Vivaldi Four Seasons / Mozart Violin Concerto Nº 5 KV 219
Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim (unter der Leitung des Solisten)
Aufgenommen am 7.12.1969, erschienen 2017
SWR Music NAXOS SWR19041CD ℗ 1969, © 2017
Digitales Remastering der SWR-Originalbänder

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Szeryng Vivaldi Mozart CDHenryk Szeryng, geboren 1918 in Żelazowa Wola in Polen, dem Geburtsort von Frédéric Chopin, war Geiger. „Nebenbei“ sozusagen, war er auch Dozent für Streichinstrumente an der Faculdad de Música der Universität von Mexiko-Stadt und während des Zweiten Weltkriegs hat er zudem als Diplomat gearbeitet, als Verbindungoffizier für die polnische Armee auf französischem Boden. Später wurde er dann Sonderbotschafter des Staates Mexiko.

Aber natürlich ist er als Geiger in Erinnerung geblieben, vielen als Spezialist für die Solowerke von Johann Sebastian Bach, anderen für Kammermusik, etwa zusammen mit Artur Rubinstein, oder als Solist in klassischen Violinkonzerten von Beethoven, Brahms oder Paganini … um nur drei Beispiele von vielen zu nennen.

Henryk Szeryng war bekannt für seine einerseits minutiös präzise wie andererseits feinst differenzierte und abgestimmte Darstellung. Christoph Schlüren überschreibt seinen Text im Booklet der neuen CD mit „Vollendetes Tenuto, Balance der Gegensätze“ und beschreibt damit recht präzise „das musikalische Phänomen Szeryng“. Als Beispiel diene zunächst das Rondeau/Tempo di Menuetto, der dritte Satz des Mozart-Konzerts auf der neuen CD.

Dass Henryk Szeryng jede klangliche Nuance, die Mozart dem Solisten seines Konzerts abverlangt, liefert, muss nicht erwähnt werden. Und dass ein Rondo multiple Farben und Stimmungen bereithält, liegt in der Natur dieser musikalischen Form. Sie besteht aus einem wiederkehrenden Ritornell (A), das sich mit anders gearteten und meist kontrastierenden Abschnitten (B,C,D) abwechselt: A-B-A-C-A usw. Das Ritornell des Rondos von KV 219 trägt die Überschrift „Tempo di Menuetto“, womit sein Charakter weitreichend vorgegeben ist: „Das Menuett war der beliebteste Gesellschaftstanz an den europäischen Höfen von der zweiten Hälfte des 17. bis zum späten 18. Jahrhundert. Gekennzeichnet durch einen beschwingten lebhaften Dreiertakt spielte es zudem auch in der Instrumentalmusik des Barock und der Klassik eine bedeutende Rolle.“ (Carol Marsh in MGG 2, Sachteil Bd. VI, Sp. 121). Das Hauptthema des Ritornells entführt den Zuhörer in eine durch und durch traditionelle höfische Dreivierteltakt-Umgebung, um dann einen harschen Schwenk in eine exotische Moll-Szenerie vorzunehmen [Takt 132: Allegro], die der damaligen Mode entsprach – das Konzert ist 1775 entstanden. Mozart nimmt sogar eigene Ideen vorweg, wie Rudolf Gerber, der Herausgeber einer Partitur des Konzerts (Eulenburg, Zürich, Nº 717) meint: „Die a-Moll-Episode dieses Satzes läßt […] bereits das exotische Kolorit der „Entführung“ aufblitzen.“

Szeryng ist das ganze Konzert über „Chef im Ring“, wenn das zu behaupten, bei einem „concertare“ im musikalischen Sinn nicht zu Missverständnissen führen könnte. Aber man hört, dass er nicht nur der Solist des Konzerts ist, sondern auch dessen Kapellmeister. Er bestimmt Takt und Tempo, nach ihm richten sich die Mitglieder des Orchesters, was Klangfarben und Akzentuierungen angeht … solange nicht dem Violino Principale, der Solovioline, also ihm selbst, besonders herausgehobene Passagen zugeschrieben sind, in denen es darauf ankommt, weit entfernt vom Orchester solistisch zu agieren. Dann kann er auch strahlen, brillieren und sich von allen anderen abheben. Soweit Mozart!

Die „Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi eignen sich nicht wirklich, wenn es um das Darstellen von solistisch tätigen Geigern geht und um deren Qualitäten. Und prompt ist Henryk Szeryng in den Jahreszeiten dieser Aufnahme mehr Dirigent als Geiger … und weniger überzeugend. Seine Aufnahme ist weit entfernt von der von Jugendlichkeit strotzenden von Concerto Köln – aber auch von der eher konservativ braven der Japanerin Takako Nishizaki, die dem Klassik- und Vivaldi-Trend des letzten Jahrhunderts nachgeeifert und danach irgendwie den Kontakt zum musikalisch-interpretatorischen Mainstream verloren hat. Aber sie ist die Ehefrau von Klaus Heymann, dem Gründer und Besitzer von NAXOS, wo ihre Vivaldi-Aufnahme dem Vernehmen nach bis 2012 mehr als anderthalb Millionen Mal verkauft worden ist. Da muss man sich um Mainstream nicht mehr sorgen.

Henryk Szeryng ist immer noch einer der größten Geiger der letzten hundert Jahre. Geboren wurde er, Sie haben es eben gelesen, im Jahr 1918, genau am 22. September 1918; gestorben ist er am 3. März 1988 in Kassel. Vor 28 Jahren! Sein Nachruhm ist, wie Christoph Schlüren meint, „geringer als der seiner Kollegen Jascha Heifetz, Nathan Milstein, David Oistrach, Yehudi Menuhin, Isaac Stern oder Leonid Kogan, obwohl er gleich zu Lebzeiten ohne Zweifel mit diesen in einem Atemzug genannt wurde.“ [S. 3] Szeryng war eher der Intellektuelle und niemals musikalischer Draufgänger oder „reisender Virtuose“. Und gerade deshalb sollten wir ihn mehr als wohlwollend in Erinnerung behalten!