Vivaldi TemminghVIVALDI – Temmingh
Werke von Vivaldi (1678–1741) und Bach (1685–1750)
Stefan Temmingh, Blockflöten; Capricornus Consort, Basel
Aufgenommen im Mai 2017
ACCENT ACC 24332, Im Vertrieb von Note 1
…  eine Freude besonderer Art!…

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Farbenfroh sind Stefan Temmingh und sein Spiel – das wissen und bewundern wir seit einiger Zeit. Jetzt, wo er sich auf vorweihnachtliche Musik eingestellt hat und auf Vivaldi, wirkt er gar regelrecht bunt … und damit ist keineswegs nur seine Kledage gemeint. Stefan Temmingh hat die sechs Blockflötenkonzerte von Antonio Vivaldi eingespielt … und dazwischen mithilfe von „Präludien“ von Johann Sebastian Bach an die Endlichkeit des menschlichen Seins erinnert: „Liebster Jesu, wir sind hier“ – „Ach, was soll ich Sünder machen“ … Kontraste! Lebenslust und virtuoses Paraphrasieren, Umspielen und Jubilieren auf der einen und in sich gekehrtes Mahnen auf der anderen Seite: „Alle Menschen müssen sterben“ (BWV 643) … als wüssten wir das nicht!

Temmingh schreibt zu seiner Programmgestaltung: „Mich reizt diese Mischung von Geistlichem und Weltlichem enorm – dies ist vielleicht mein persönlicher Aufruf zu mehr Toleranz in der heutigen Welt.“ [Booklet] Ob mit der Werkauswahl wirklich ein Beitrag zur Völkerverständigung geleistet wird, darüber lässt sich freilich streiten. Dass das Nebeneinander und das Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Sphären aber belebend und vitalisierend Einfluss nehmen, kann nicht bestritten werden. Mehr noch: Knapp siebzig Minuten Blockflötenkonzerte von Antonio Vivaldi in Folge sind, um ein Goethe-Wort zu modifizieren, „schwer zu ertragen“ oder: Sie verlangen ein gewisses Maß an kontrastierender Abwechslung. Die hat Stefan Temmingh auf wunderbare Art und sehr wirkungsvoll in sein Programm eingebaut.

 

Die frischen, klangbewussten und virtuosen Konzerte von Antonio Vivaldi scheinen irgendwie eher in unsere Zeit zu passen, als die mahnenden Worte dazwischen – aber: „Meine Gedanken kamen wieder zurück zu der Idee, dass alle Konzerte wirklich »getrennt« erlebbar sein sollten. Daher entschied ich mich, jedem Concerto von Vivaldi ein Bach-Präludium voranzustellen – der Unterschied zwischen den beiden Komponisten könnte in der Tat nicht größer sein. Und gerade in dieser Abwechslung schaffen die Werke von Johann Sebastian Bach starke, nicht minder expressive Ruhepole, die die Sinne für Vivaldi öffnen und schärfen“ [Booklet].

Vivaldi (1678–1741) und Bach (1685–1750) waren unmittelbare Zeitgenossen. Allerdings war Antonio Vivaldi Venezianischer Priester … während sich Bach zu einem zwar genialen aber sich doch immer weitergehend von kompositorischen Moden und Trends loslösenden Außenseiter entwickelte. Was um Johann Sebastian Bach herum komponiert wurde, gehörte zeitgeschichtlich schon nicht mehr ins Barock … stilistisch war es neuen Denkweisen verpflichtet. Das Bachsche Spätwerk ist das „Werk eines Esoterikers, der sich bewußt vor der Welt verschloß und daraus die kompositorischen Konsequenzen zog“ [Carl Dahlhaus, 1985].

Dass Stefan Temmingh Musiken zweier so unterschiedlicher Welten miteinander verbunden hat, war mutig … und natürlich prallen zwei künstlerische Welten ungebremst aufeinander, zumal die Konzerte selbst schon erheblich voneinander abweichen. „Doch damit nicht genug von der Idee, für jedes Vivaldikonzert eine möglichst geschlossene Interpretation zu finden: Für jedes Konzert wählte ich eine andere, charakteristische Basso-Continuo-Besetzung aus – also eben nicht möglichst viele Instrumente gleichzeitig, sondern pro Konzert eine bestimmte Instrumentenkombination, die innerhalb der drei Sätze allerhöchstens geringfügig variiert.“[Booklet]

Und natürlich die Verzierungen! „Zu Vivaldis bevorzugter Ornamentik ist wenig bekannt, aber sämtliche Hinweise deuten darauf hin, dass gerade er üppige und opulente Improvisationen schätzte.“ [Booklet] Und nirgends in den Konzerten hat man den Eindruck, er, Stefan Temmingh, übertreibe maßlos, mutiere gar zur musikalischen Rampensau. Dabei bediente er sich durchaus großzügig im Katalog der Triller, Umspielungen und Mordente, um „üppige und opulente Improvisationen“ zu erreichen, für die schon Vivaldi gepriesen wurde. Nein, davon kann keine Rede sein. Temmingh geht sehr sensibel und stilgerecht mit dem musikalischen Material um, mit dem er es zu tun hat. Und er ist risikobereit, nie „normal“, vorsichtig oder gar „langweilig“. Nein, Temmingh geht das Risiko ein, dass ihn irgendwer nicht verstehen mag – aber er spielt uneigennützig dem Werk verpflichtet und – na ja! – er genießt ganz offenbar das Spielerische, für das er bei den Konzerten von Antonio Vivaldi verantwortlich ist. Das Basler Capricornus-Consort steht ihm zur Seite und tut das mit großem Verständnis für seine musikalische Leidenschaft – insgesamt ist die Aufahme eine Freude besonderer Art!